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Samstag, 5. November 2016

Der harte Kampf um die Demokratie hat begonnen



Von Brendan O'Neill für www.Spectator.com, 3. November 2016

Diese Woche ist einer der Lieblinge des Landes, David Attenborough, in das Post-Brexit Einhauen auf den Pöbel eingestiegen. Er fragte, sollte diesen kleinen Leuten wirklich die Entscheidungshoheit über eine solch komplizierte Angelegenheit wie die EU anvertraut werden? Man kann sich die Antwort denken: Natürlich nicht. Denn wir alle haben nicht so viele akademische Titel wie er. Das wichtige an einer parlamentarischen Demokratie, sagte er, sei, dass "wir jemanden finden, den wir respektieren und von dem wir denken, er sei weiser als wir" und dann treten wir an diese Person "das Nachgrübeln...über komplexe Dinge ab". Das sei bei weitem vorteilhafter, als die Leute zu fragen, ob sie lieber auf eine Kirmes gehen wollen, oder in die National Gallery - tatsächlich hat er das in Bezug auf ein Zitat von Ken Clarkes neuem Buch gesagt - oder eben, welche Art von Beziehung Großbritannien mit der EU haben sollte. Kurz gesagt: Normale Leute sollten sich an die Autoscooter halten und die Politik den Schlauen überlassen.

Heute bekam Herr Attenborouh (jaja, er ist "Lord", aber als Demokrat lehne ich solch archaische Titel ab) das, was er wollte. Und so bekamen auch alle anderen Brexitphoben und angehenden Demokratieverächter das, was sie wollten, nachdem sie in den letzten vier Monaten den Demos unablässig diffamierten, der für die großen Entscheidungen unzureichend informiert ist während sie nach "weiseren" Leuten riefen - Abgeordnete, Akademiker, Ökonomen, ihre eigenen Leute - damit diese das letzte Wort haben über das wie und wann und sogar das ob eines Brexit. Der oberste Gerichtshof urteilte, dass die Abgeordneten, also Attenboroughs weisere Leute, darüber entscheiden sollen, wann und wie Großbritannien aus der EU austritt. Puh - die Dynamik des Prozesses wurde also von der Kirmes in die National Gallery verlegt.

Manche meinen, die Gerichtsentscheidung sei ein Sieg für die parlamentarische Souveränität. Ach bitte. Das sind die selben Leute, die mit strahlendem Grinsen dabei zusahen, wie die parlamentarische Souveränität über die Jahrzehnte Stück für Stück an Brüssel abgegeben wurde und nun erwarten sie von uns, dass wir glauben, ausgerechnet sie seien die levellerartigen Verteidiger des Parlaments. Offenbar glauben sie ihrer eigenen Propaganda über den dummen Pöbel, falls sie tatsächlich erwarten, dass wir das schlucken. Nein, was sie an der Gerichtsentscheidung toll finden ist, dass der Brexit damit zu einem kalten und rational durchdachten Eigentum der Unterhausabgeordneten wird, von denen die meisten in der EU bleiben wollten, und nicht mehr in den Händen der Hitzköpfe und Dummköpfe aus dem Norden und Essex und anderen unaussprechlichen Gegenden Englands liegt, wo sie nicht einmal in die National Gallery gehen. Die Abgeordneten sollen nun mit - den im Pöbel sicherlich nicht vorhandenen Qualitäten - "Courage und Überzeugung" handeln und "den Brexit aufhalten", wie AC Grayling meinte.

Es überrascht nicht, dass Attenborough eine nicht ganz so freundliche Meinung von den Massen hat. Immerhin handelt es sich hierbei um einen Mann, der die Menschheit für eine Plage des Planeten hält. Er hat sich schon unbeliebt gemacht, als er über die "erschreckende Bevölkerungsexplosion" insbesondere in Teilen Afrikas äußerte - "da gibts zu viele Menschen". Menschen, die andere Menschen als "Plage" bezeichnen sind naheliegenderweise keine großen Freunde der direkten Demokratie. Nun aber sind seine Vorstellungen auf die Masse der Elite übergegangen, die einen Ekel empfinden vor normalen, schlecht informierten Menschen.

Diese Diffamierung läuft unablässig. Wir sind "Ignoranten," sagt Richard Dawkins. Wir denken mit unseren "Reptilienhirnen", wie scheinbar progressive Autoren meinen. Wir sind eine hirnlose Masse und eine Regierung mit dem "Beifall der Massen" ist immer eine Katastrophe, sagt Grayling. Wir sind Rassisten, Xenophobe, Kleingeister, Angsthasen und dumm. So scheisse dumm. Der Brexit zeigt, wie leben "in einem Zeitalter, in dem mangelhaft informierte Wähler die Beweislage ignorieren," sagt ein Kolumnist. "Mangelhafte Information." Ich liebe das. Das lässt sich übrigens übersetzen mit "dumm", falls Sie zu dumm sind, um das selbst zu bemerken. Und nun wurde die Verantwortung über den Brexit von uns Schwachköpfen weggenommen und an Menschen weitergereicht, die "möglicherweise weiser sind als wir".

Wem diese Verleumdung der Massen bekannt vorkommt, dann ist das vermutlich, dass es sich um genau jene Argumente handelt, die seit Jahrtausenden gegen die Demokratie vorgebracht werden, angefangen bei Platons Aufruf zu "Philosophenkönigen" (einer frühen Version von Attenboroughs weisen Männern) über die Elitenpolitik im Namen des Pöbels und bis hin zu den Snobs des Antichartismus, die darauf bestanden, dass man Arbeitertypen unmöglich das Wählen anvertrauen kann, weil sie nicht in der Lage sind, komplexe Themen zu durchschauen (einer frühen Version von Dawkins Auslässen zu "Ignoranten").

Der Brexit zeigt, wie fragil, wie fundamental unrespektiert und wie schlecht die Idee der Demokratie behandelt wird. Sie haben tatsächlich Angst vor uns. Sie wollen tatsächlich, dass wir von uns denken, dass wir zu abgedreht und dumm und unvorbereitet sind für das öffentliche Leben. Sie wollen tatsächlich, dass Politik nur von den ganz schlauen betrieben wird, die so wie sie sind, und nicht von unbelesenen Leuten, die gerne zur Krimes gehen, wie wir. Ich denke, die allgemeine Öffentlichkeit begreift manchmal gar nicht, wie sehr sie von den Eliten gehasst werden. Ich hoffe allerdings sehr, dass es ihnen inzwischen klar wurde. Denn vor uns liegt ein harter und rauher Kampf um unsere demokratischen Rechte.

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Im Original: The tough fight for democracy has begun

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