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Dienstag, 14. Februar 2017

Kritik an der Weltanschauung des Steve Bannon


Ein Kommentar von Ingmar Blessing über den neuen Chefstrategen von Donald Trump. 14. Februar 2017

Ich kenne Steve Bannon nicht wirklich. Insgesamt sind mir die weltanschaulichen Hintergründe der Neuen Rechten nur oberflächlich bekannt. Dies gilt für die europäischen Bewegungen von Enland bis Russland inklusive der deutschen und auch für die amerikanische. Die Mainstream Medien bieten jenseits des notorischen Nazitouretts leider nicht viel brauchbares über die Inhalte hinter dem Tagesgeschäft und das bewusste Einarbeiten in die theoretischen Grundlagen ist verbunden mit einer Einstiegshürde, die ich bilang noch nicht übersprungen habe.

Trotzem bietet die tägliche Nachrichtenlektüre (und einige Videos bei YouTube) genügend Stoff, um zum Schluss zu kommen, dass gesellschaftlich und politisch gerade etwas fundamentales schief läuft und die Lösung nicht links der Mitte liegt. Das Nicken fällt entsprechend einfach, wenn es um Problemanalysen und das Fordern und Unterstützen von deutlichen Veränderungen und um die Erneuerung des öffentlichen Gemeinwesens auf Basis von identitärem Gedankengut geht.

Die Übersetzung für das Buch "Die Weltanschauung des Steve Bannon" war zwar nur ein relativ kurzer, aber tiefer Einblick in die Ideenwelt der neuen Rechten in den USA und namentlich in jene ihres (neuen) Chefideologen, der nun in Washington an zentraler Stelle sitzt, um umfassende Veränderungen für uns alle - auch in Deutschlad - herbeizuführen.

Bilang war mir Bannon als Person nicht wirklich aufgefallen, vielmehr war mir nur ein Produkt von ihm bekannt: Breitbart News. Tatsächlich war es auch mein Entdecken von Breitbart News, was den Startschuss gab für das Betreiben dieses kleinen Übersetzungsblogs. Eingelullt von FAZ, NZZ, Welt und Konsorten und Rücken durchstrecken müssend bei den Ausflügen zu Tichys Einlick oder der Achse des Guten war es für mich Anfangs ein absoluter Schock, Breitbart zu lesen: Schonungslos, offen, hart und vor allem extrem schnell.

Daran musste ich mich erst einmal gewöhnen. Selbst die gelegentliche (und zunehmende) Lektüre englischer Printmedien wie dem Spectator - den ich jedem ans Herzen legen kann, der die Sprache beherrscht - die bereits deutlich frischer und schärfer sind als ihre deutschen Pendants, war nichts im Vergleich zum bombastischen Dauerfeuer, das einem bei Breitbart News entgegenschlägt. Der Unterschied ist in etwa so, wie jener zwischen dem Anblasen eines den Händen gehaltenen Grashalms und einem vollbesetzten Orchesters im Fortissimo. (Davon wollte ich den ahnungslosen Deutschen mit der Inselpresse etwas weitergeben.)

Es ist somit nicht allzu weit hergeholt, mich als Bannon Fan bezeichnen. Oder Bannonist.

Der übersetzte Aufsatz bleibt bei der Aufbereitung von Bannons Ideen und Plänen zwar distanziert und kritisch, aber er ist ausgewogen und darstellend, nicht bewertend. So, wie Journalismus eigentlich sein sollte. Es wird aufgezeigt, wofür Bannon steht, wie sich seine Ansichten entwickelt haben und worin sie mittlerweile - mit der Position im Weißen Haus ist seine weltanschauliche Entwicklung vermutlich abgeschlossen - kulminierten.

Wenig erstaunlich finde meine eigenen Gedanken, Analysen und Schlussfolgerungen bei ihm wieder. Auch ich sehe aufgrund des kulturmarxistischen Relativismus ein massives gesellschaftliches Dekadenzproblem, das zu Auflösungserscheinungen führt. Ich sehe den arabischen Faschismus als existenzielle Bedrohung an. Die Schuldenmacherei würgt die wirtschaftliche Dynamik ab und das Gelddrucken raubt der Mittelschicht die Ersparnisse. Und auch im Hinblick auf die Lösungen kann ich guten Gewissens nicken. Erfolg ist übergenerationell. Traditionen und erfolgreiche Sitten und Werte sind dominant für den zukünftigen Erfolg. Religion - ich würde es als rekursives Denken bezeichnen - spielt eine bedeutende Rolle beim Erhalten zivilisatorischer Errungenschaften. Religiöses Denken ist per se rekursives Denken und damit zivilisatorisches Denken. Fehlt dies in einer Gesellschaft ist es sehr schwer, einen langfristigen Erfolgspfad zu halten. Selbiges gilt die unser spezifisch jüdisches und christliches Erbe, namentlich die 10 Gebote, die Nächstenliebe, das römische Bodenrecht und der Kapitalismus (Stichwort: "Talente").

Das alles findet sich sowohl bei mir unwichtigem Provinzübersetzungsblogger an zentraler Stelle, als auch beim Einflüsterer des mächtigsten Mannes der Welt. Tatsächlich stimmen nicht nur wir beide miteinander überein, sondern auch andere wichtige Personen. Alexander Dugin vor allem, Wladimir Putins weltanschaulicher Berater, der die jüdischen und christlichen Wurzeln zusammenfasst auf orthodoxe Wurzeln, sonst aber im Grunde genommen das selbe über gesellschaftliche Prozesse sagt.

Das ist übrigens unabhängig von diesem Kommentar eine kaum zu überschätzende positive Nachricht. Denn wenn sich die ideologischen Werte in den Regierungsstuben der beiden größten Welt- und Atommächte so sehr ähneln und beide fast deckungsgleiche Überzeugungen vertreten, dann ist dies ein erstklassiges Zeichen für Entspannung und Frieden.


http://1nselpresse.blogspot.com/2017/02/buch-die-weltanschauung-des-steve-bannon.html


Allerdings gibt es in Bannons Ansichten etwas, das mich überrascht hat, um nicht zu sagen schockiert und was mir trotz der vielen Übereinstimmungen ein kleines bisschen Angst macht: Steve Bannon ist Marxist. Wobei, vielleicht ist er kein Marxist, aber es muss festgestellt werden, dass ein fundamentaler Teil seiner Weltaschauung auf einer offen marxistischen Theorie basiert. Wie kann das sein?

Es mutet etwas seltsam an, dass jemand wie Bannon so etwas nachhängt. Die marxistische Analyse ist nicht die dümmste, sie liefert ein interessantes Analysewerkzeug, das einem einen guten Einblick in die globalen Mechanismen geben kann. Es gibt sogar interessante Marxisten, bei denen sich das Zuhören lohnt (nein, nicht Dugin; der hat vermutlich eine etwas weniger vorteilhafte Ansicht davon).

Nur, man darf nicht vergessen, dass Marxismus nur ein Modell ist, um die Wirklichkeit zu erklären, dieses Modell aber nie Wirklichkeit wird und auch nie war. Jeder Versuch - und es gibt mittlerweile einige - dieses fehlerhafte Modell namens Marxismus in der komplexen Realität umzusetzen ist gescheitert. Krachend und blutig. Die entsprechenden Namen und Orte dazu sind Legende. Ich bin mir aber nicht sicher, ob Bannon diesen Strich zieht zwischen einem theoretischen Erklärmodell und der praktischen Realität. Hat er überhaupt erkannt, dass er ein marxistisches Modell zu seiner ideologischen Grundlage auskor?

Das fragliche Modell besteht aus einer sich aufbauenden Krise, die in einen größeren, sich wiederholenden Zyklus eingebaut ist, der mit Wohlstand und Frieden als der These beginn. Auf diese Krise folgt am Höhepunkt eine Auseinandersetzung, die Antithese, die bislang immer die Form eines Krieges annahm, um dann schliesslich mit der Synthese zu enden, wonach Amerika am Ende immer gewinnt. Das war bei den drei Krisenzyklen bisher der Fall (Revolution, Bürgerkrieg, Zweiter Weltkrieg) und daher muss es zukünftig auch so sein.

Ich frage mich: Woher nimmt Bannon nur diese Sicherheit? Warum geniesst so ein oberflächliches und halbgarenes und sentimentales Modell eine so große Bedeutung? Was ist mit Kommissar Zufall?

Die drei Krisen können auch als Zufall interpretiert werden. Jeder einzelne dieser Kriege wurde nur knapp entschieden. Die Engländer hätten beinahe gewonnen, der Süden hätte sich militärisch beinahe durchgesetzt und hätte die Landung in der Normandie aus welchen Gründen auch immer um drei Monate verschoben werden müssen, dann hätte es sie vermutich nie gegeben. Das waren drei Münzwürfe und drei Mal war der amerikanische Weißkopfadler am Ende oben. Ergibt eine Gesamtwahrscheinlichkeit von 12,5 Prozent und mit jeder gewonnen Krise halbiert sich die die Wahrscheinlichkeit für einen Erfolg. Hat Bannon je über dieser Rechnung gebrütet?

Geschichte ist ein Zufallsprozess, denn wir kennen die Zukunft nicht. Das ist die einfache, wenn auch schmerzliche Erkenntnis, an die wir uns theoretisch und praktisch halten müssen. Ich hoffe, Steve Bannon weis das. Alexander Dugin, da bin ich mir sicher, trifft dies zu. Vielleicht kann sich Bannon bei ihm ja ein paar Tipps abholen.



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