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Montag, 10. April 2017

Der heutige Anschlag in Ägypten ist nur der neueste Schlag im Krieg gegen das Christentum des Mittleren Ostens

Leidende Christen sind wie Fische im Wasser
Von John L. Allen Jr. für www.Spectator.co.uk, 9. April 2017

Bei der gegen koptische Christen gerichteten Explosion in Ägypten am Palmsonntag starben mindestens 36 Personen. Der heutige Anschlag ist dabei lediglich der neueste Schlag im Krieg gegen die Christen des Mittleren Ostens. Wie Jonathan Sacks beobachtet:


"Bis vor kurzem machten Christen 20 Prozent der Bevölkerung im Mittleren Osten aus: Heute sind es noch 4 Prozent."

John L. Allen Jr. schrieb im Spectator über die Verfolgung der Kirchgänger - es ist die größte von der Berichterstattung ausgeschlossene Katastrophe unserer Zeit. Unglücklicherweise ist das bis heute so.

Man muss sich nur einmal vorstellen, die Berichterstatter hätten Ende 1944 über den Ausgang der Ardennenoffensive berichtet, ohne aber zu erwähnen, dass es ein Wendepunkt im Zweiten Weltkrieg war. Oder wenn Finanzjournalisten die Geschichte des AIG Bankrotts von 2008 erzählt hätten, ohne dabei gleichzeitig die Frage der Derivate und der ausgefallenen Hypothekenkredite aufzuwerfen, anhand derer die Implosion des Finanzmarktes hätte antizipiert werden können?

Die meisten Menschen würden in diesem Fall sagen, dass die Journalisten dabei versagt haben, die Nachricht mit einem angemessenen Kontext zu versehen, um sie nachvollziehen zu können. Und doch ist es genau das, was die Medien regelmässig machen, wenn es überall auf der Welt zu Ausbrüchen von Christenverfolgung kommt, und was den weltweiten Krieg gegen die Christen zur größten unerzählten Geschichte des 21. Jahrhunderts macht.

In den letzten Tage waren die Menschen überall angewidert von den Bildern zu den Anschlägen auf eine Kirche in Pakistan, wo 85 Menschen starben, nachdem zwei Selbstmordattentäter die anglikanische Allerheiligenkirche von Peschawar stürmten, oder in Kenia, wo es in Wajir zu einem Angriff auf eine katholische Kirche kam, bei dem eine Person getötet wurde und zwei verletzt.

Diese Greueltaten sind völlig zurecht widerwärtig, aber man kann sie nicht umfassend verstehen, wenn man sie nicht als kleine Puzzleteile eines größeren Bildes sieht. Es gibt drei Aspekte im Bereich der heutigen Christenverfolgung, die so schockierend sind wie unbekannt. Laut der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, einer sekulären Überwachungsstelle aus Frankfurt, sind heutzutage 80 Prozent aller Taten religiöser Diskriminierung gegen Christen gerichtet. Statistisch betrachtet wird das Christentum dadurch zur mit Abstand am meisten verfolgten Religion auf der Welt.

Laut dem Pew Forum litten Christen zwischen 2006 und 2010 de jure oder de facto in kaum zu glaubenden 139 Ländern an Diskriminierung, also in fast drei Vierteln aller Länder weltweit. Laut Zentrum für Studien des globalen Christentums am Theologischen Seminar von Gordon-Conwell in Massachusetts wurden im letzten Jahrzehnt im Durchschnitt jedes Jahr 100.000 Christen ermordet [..]. Das heisst, zu jeder Stunde werden irgendwo auf der Welt 11 Christen ermordet, und zwar sieben Tage pro Woche und 365 Tage im Jahr, und das nur wegen ihres Glaubens.

Effektiv erlebt die Welt damit gerade das Aufkommen einer völlig neuen Generation an christlichen Märtyrern. Das Abschlachten findet in so einem großen Maßstab statt, dass es damit nicht nur zur dramatischsten christlichen Geschichte unserer Zeit wird, sondern letztlich auch zur größten Menschenrechtsherausforderung in dieser Ära.

Wer diesen Statistiken Leben einhauchen will, der muss sich nur einmal umschauen. Am 31. Oktober stürnten in Bagdad islamische Militante die syriakisch-katholische Erlöserinnenkathedrale und ermordeten dabei zwei Priester, die gerade eine Messe abhielten, sowie 56 Gottesdienstbesucher. Obwohl schockierend war dies beileibe kein Einzelfall; von den 65 christlichen Kirchen Bagdads wurden seit der US-geführten Invasion von 2003 40 mindestens ein Mal angegriffen.

Diese Kampagne der Gewalt und Einschüchterung verherende Folgen für das Christentum des Landes. Zur Zeit des Ersten Golfkrieges 1991 gab es im Irak eine blühende christliche Bevölkerung von mindestens 1,5 Millionen Menschen. Die positiveren unter den aktuellen Schätzungen meinen, es gäbe noch etwa 500.00 Christen im Land, wobei realitisch betrachtet vielleicht noch 150.000 dort leben. Die meisten der irakischen Christen gingen ins Exil, eine astronomische Anzahl von ihnen wurde aber auch ermordet.

Der nordostindische Bundesstaat Orissa war der Ort des gewalttätigsten christenfeindlichen Pogrom des frühen 21. Jahrhunderts. Im Jahr 2008 endete eine ganze Serie von Ausschreitungen mit 500 toten Christen, von denen viele von mit Macheten bewaffneten radikalen Hindus abgeschlachtet wurden; tausende weitere wurden verletzt und mindestens 50.000 verloren ihr Haus. Viele Christen flohen in hastig aufgezogene Flüchtlingslager, wo einige zwei Jahre oder länger vegitieren mussten.

Geschätzt 5.000 christliche Häuser, sowie 350 Kirchen und Schulen wurden zerstört. Eine katholische Nonne, Schwester Meena Barwa, wurde bei den Ausschreitungen ausgezogen, zusammengeschlagen und vergewaltigt. Die mit den Radikalen sympathisierenden Polizisten rieten der Nonne vom Erstatten einer Anzeige ab und weigerte sich, ihre Angreifer zu verhaften.

In Burma werden Mitglieder der stark christlichen Chin und Karen vom Regime als Dissidenten betrachtet und regelmässig inhaftiert, gefoltert, zu Zwangsarbeit abkommandiert und ermordet. Im Oktober 2010 griff das burmesische Militär mit Helikoptern Gebiete an, in denen die Christen des Landes konzentriert sind.

Eine burmesische Luftwaffenquelle sagte Journalisten, dass die Junta die Gebiete zu "schwarzen Zonen" erklärte, in denen es Militärpersonal erlaubt ist, Christen auf Sicht zu erschiessen. Auch wenn es keine präzisen Zahlen gibt, so nimmt man an, dass während der Offensive tausende christliche Burmesen ihr Leben verloren.

In Nigeria ist die militante islamische Bewegung "Boko Haram" verantwortlich für 3.000 Morde seit 2009, davon alleine 800 Fälle aus dem vergangenen Jahr. Die Bewegung hat sich darauf spezialisiert, Christen in ihren Kirchen anzugreifen und in einigen Fällen scheinen sie auch darauf aus zu sein, die Christen komplett aus Teilen des Landes zu vertreiben.

Im Dezember 2011 kündigte ein lokaler Sprecher von Boko Haram an, dass alle Christen im Norden der Bundesstaaten Yobe und Borno drei Tage Zeit hätten für ihre Flucht, woraufhin die Drohung am 5. und 6. Januar 2012 mit einer Reihe von Bombenanschlägen auf Kirchen in die Realität umgesetzt wurde, bei denen mindestens 26 Christen ermordet wurden, und es zu zwei Schiesserein kam, bei denen acht weitere Christen starben. Im Nachhall flohen hunderte Christen aus dem Gebiet und viele sind noch immer auf der Flucht. Über Weihnachten im letzten Jahr heisst es, wurde mindestens 15 Christen von Boko Haram Militanten der Hals aufgeschlitzt.

Nordkorea wird gemeinhin als der gefährlichste Ort der Welt für Christen angesehen, wo wie man annimmt, etwa ein Viertel der 200.000 bis 400.00 Christen des Landes in Arbeitslagern leben sollen, weil sie sich weigern, sich dem Kult um den Staatsgründer Kim Il Sung zu unterwerfen. Die christenfeindliche Haltung ist so stark, dass die meisten Menschen mit christlichen Grosseltern von den wichtigsten Arbeitsplätze ausgeschlossen sind - und das, obwohl Kim Il Sungs Mutter selbst eine presbyterianische Diakonin war. Seit dem Waffenstillstand von 1953 auf der Halbinsel sind etwa 300.000 Christen in Nordkorea verschwunden und sind vermutlich tot.

Diese Beispiele zeigen, dass die gegen Christen gerichtete Gewalt kaum auf einen "Zusammenprall der Zivilisationen" des Christentums und des Islams beschränkt ist. Die Wahrheit ist, Christen sehen sich einer verlblüffend großen Bandbreite an Bedrohungen gegenüber, bei der es weder den einen Feind gibt, noch die eine beste Strategie, um die Gewalt gegen sich zu beenden.

Auch wenn die Gläubigen im Westen vielleicht einen besonderen Grund haben mögen, sich bedroht zu fühlen, so ist die Realität doch so, dass keine einzige Konfession einen größeren Grund hat, Alarm zu schlagen wegen des Anstiegs der Christenfeindlichkeit, als alle anderen.

Da die Mehrheit der weltweit 2,3 Milliarden Christen heute in der Armut der sich entwickelten Welt leben und weil sie oftmals Mitglieder ethnischer, kultureller und sprachlicher Minderheiten sind, erachten Experten ihre Behandlung als ein zuverlässiger Indikator für die Gesamtleistung einer Gesellschaft in den Bereichen Menschenrechte und Würde. Genauso wie jemand nicht jüdisch sein musste in den 1970ern, um sich Sorgen machen über die jüdischen Dissidenten der Sowjet Union, oder schwarz in den 1980ern, um das Apartheitregime Südafrikas zu kritisieren, so muss man heute auch kein Christ sein, um zu erkennen, dass dem Schutz verfolgter Christen eine vorrangige Priorität eingeräumt werden sollte.

Warum aber werden die Dimensionen dieses globalen Krieges so oft übersehen? Neben dem Urgrund, dass die Opfer zumeist nicht weiß sind und dazu arm, daher im klassischen Sinn auch keine Schlagzeilen "wert" sind, und sie meist auch in der Ferne weit ab vom Radar westlicher Aufmerksamkeit leben, so begleitet diesen Krieg auch die veraltete Präsmisse des stereotypen Christentums als dem Unterdrücker und weniger des Unterdrückten.

Die Worte "religiöse Verfolgung" wecken bei den meisten Machern kulturell sekulärerer Meinungen meist nur Assoziationen mit den Kreuzzügen, der Inquisition, mit Bruno und Galileo, dem 30 jährigen Krieg und den Hexenprozessen von Salem. Heute aber leben wir nicht mehr in den Zeilen eines Dan Brown Groschenromans, in denen Christen irre Mörder beauftragen, um ganz alte Rechnungen zu begleichen. Vielmehr sind es heute die Christen, die vor den von anderen beauftragten Mödern wegrennen.

Dazu kommt, dass der öffentlichen Debatte zur Religionsfeiheit gleich zwei Scheuklappen aufgesetzt sind. Die erste wird gerne mit den westlichen Spannungen zwischen Kirche und Staat umschrieben, wie etwa das vor kurzem ausgetragene Tauziehen zwischen religiösen Führungspersönlichkeiten in den Vereinigen Staaten und dem Weißen Haus, als es um die Aufnahme von Verhütungsmittel in die Krankenversicherung ging, oder die Spannungen in Großbritannien wegen des Gleichheitsgesetzes von 2010 und dessen Auswirkungen auf kirchliche Adoptionsstellen bei gleichgeschlechtlichen Eheleuten. Die Wahrheit aber ist, im Westen besteht die Bedrohung der religiösen Freiheit darin, dass man von jemandem angezeigt werden könnte; in vielen anderen Teilen der Welt dagegen bedeutet es, erschossen zu werden und das schlimmere Szenario von beidem ist zweifellos das letztere.

Zweitens ist die Debatte teilweise begrenzt auf eine viel zu enge Definition dessen, was man unter "religiöser Gewalt" versteht. Wird beispielsweise eine weibliche Katechetin im Kongo ermordet, weil sie junge Menschen davon überzeugt, sich von Milizen und Banden fernzuhalten, dann sagen manche vielleicht, es handele sich zwar um eine Tragödie, aber sicher kein Märtyrertum, weil ihre Mörder nicht vom Hass auf den christlichen Glauben getrieben waren. Der springende Punkt aber ist nicht, was im Kopf der Täter vorgeht, sondern was im Herzen der Katechetin herrscht, die wissentlich ihr Leben aufs Spiel setzte, um dem Evangelium zu dienen. Erhebt man die Motive ihrer Mörder zum Prüfmaß und nicht ihre eigenen, dann verzerrt man die Realität.

Worin auch immer die Motive für die Stille über diese Entwicklung liegen mögen, es ist höchste Zeit, diese zu beenden. Papst Franziskus anerkannte dies in seinen Anmerkungen während der Generalaudienz im vergangenen Monat. Der Papst fragte seine Anhänger:

"Wenn ich höre, dass so viele Christen auf der Welt leiden, kann es einem dann egal sein, oder ist es nicht vielleicht eher so, als würde ein eigenes Familienmitglied leiden?

Bin ich offen genug für den Bruder oder die Schweister aus meiner Familie, die ihr Leben für Jesus Christus gaben?"

Im Jahr 2011 stellte der katolische Patriarch von Jerusalem, Fouad Twal, der einer Kirche mit mehr als genug neuen Märtyrern vorsteht, bei einer Konferenz in London die selben Fragen, nur mit etwas mehr Deutlichkeit. Er fragte offen:

"Hört hier eigentlich irgendjemand unsere Schreie? Wie viele Greueltaten müssen wir denn noch ertragen, bis uns irgendjemand von irgendwo aus zu Hilfe kommt?"

Für das Christentum des 21. Jahrhunderts gibt es vermutlich keine Frage, die es mehr verdient, eine überzeugende Antwort zu bekommen, als diese.






Im Original: Today’s attack in Egypt is the latest strike in the war on Christians in the Middle East

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