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Sonntag, 29. Januar 2017

Wie ein brutaler Mord in Pakistan ein Licht auf die Praxis der Rachemorde in Lancashire warf



Die Geschichte über ein sinistres britisches Schariagericht und die unablässige Suche eines Mädchens nach dem Mörder ihres Vaters. von Martin Sixsmith für www.DailyMail.co.uk, 10. Januar 2017

Der muslimische Ältestenrat - oder Schariagericht - hörte genau zu, als der Kläger seinen Fall vortrug. Ein Nachbar war ihm gegenüber respektlos, erzählte er ihnen, und in so einer kleinen pakistanischen Gemeinde kommt es schnell zu Gerüchten.

Als Strafe für diese Respektlosigkeit stimmte der Nachbar der Forderung des Klägers zu, dass ihre beiden Kinder heiraten sollen. Als die Kinder des Nachbars dies aber nicht wollten zog er sein Versprechen zurück.

Der Kläger forderte vor dem rechtlich belanglosen Gericht eine Vergeltung für den Bruch dieser Zusage.

Der Preis für das gesprochene Versprechen war klar, meinte er: Auch die widerwilligen Kinder des Nachbars hätten ihn entehrt und darüber hinaus haben sie sich sogar mit Weißen beraten.

Da dessen Kinder bereits seinen eigenen Kindern versprochen waren wurde es daher zu einem Fall von Ehebruch. Die Strafe dafür: Der Tod.

Der Ältesterat beriet sich und gab dann sein Urteil heraus.

Der Kläger hatte tatsächlich das Recht, die Todesstrafe für die Kinder seines Nachbarn zu fordern, so das Gericht. Es wäre eine Frage der Gnade, wenn er stattdessen eine Geldforderung aushandeln würde, um ihre Leben zu verschonen, musste dies aber nicht.

Wer nun denkt, dass dies ziemlich mittelalterlich klingt, der hat durchaus recht. Allerdings ereignete sich dieser Fall vor gerade einmal ein paar Jahren - und nicht in Pakistan, sondern hier in Grossbritannien in einem kleinen Ort in Lancashire.

Es war eine der verstörendsten Entdeckungen, die ich bei der Recherche für mein Buch machte.

Über die Jahre habe ich mich in die Untiefen von durch den Kreml abgesegnete Morde gewühlt, habe religiöse Skandale und politische Vertuschungen aufgedeckt. Dieses neueste Projekt aber war das mit Abstand verstörendste. Es hat mich eine Welt voller Morde, Korruption, und wie eben beschrieben, gewalttätiger Kollektivstrafen auf Basis des Schariarechts betreten lassen. Mein Buch "Ayesha's Gift [Ayeshas Geschenk, d.R.] ist die rührende Geschichte über die Suche einer jungen Frau, die herausfinden will, was ihrem Vater zustiess, als er auf einer Reise von Großbritannien aus in sein Heimatdorf in Pakistan verloren ging.

Es handelt sich um eine Detektivgeschichte, die von Ayeshas brennendem Bedürfnis getieben wird, herauszufinden, wie ihr Vater starb, wer ihn getötet haben könnte und wer ihr Vater wirklich war - ein seine Familie liebender Mann, den sie ihr ganzes Leben lang bewunderte, oder ein Mann mit einem gefährlichen Geheimnis, das er vor der Welt versteckte?

Die Suche nach der Wahrheit über ihren Vater führt Ayesha zur Hinterfragung jener Werte, auf denen ihr Leben und ihre Identität aufgebaut waren.

Das ganze kulminiert mit der Begegnung eines Mörders im Todestrakt und seiner schockierenden Behauptung, ein Rat von Religionsältesten in Großbritannien sei bereit gewesen, den Rachemord an zwei jungen Menschen zu dulden, die das "Verbrechen" von außerehelichem Sex begingen.

Es war eine Geschichte, die mich auf persönlicher Ebene tief betroffen machte und mich, den hartgesottenen Journalisten, emotional und verstört zurück liess.

Meine Reise begann 2009. Mein Buch "Philomena" über die Suche einer irischen Frau nach ihrem Sohn, den sie weggeben musste, weil sie die "Sünde" beging, ihn außerehelich geboren zu haben [..] war gerade veröffentlicht und ich wurde von einer Reihe Menschen angeschrieben, die wollten, dass ich ihre persönliche Geschichte niederschreibe.

Unter diesen war eine britisch-pakistanische Frau (nicht Ayesha), die mit erzählte, ihr Vater sei unter gewalttätigen und mysteriösen Umständen in Pakistan gestorben. Ich nahm mir etwas Zeit, den Fall zu recherchieren und enthüllte dabei eine ziemlich schmutzige Lüge.

Der Buder der Frau lebte mit einer Cousine aus Pakistan in einer arrangierten Ehe; die Familie brachte seine junge Frau nach Grossbritannien, allerdings hielt die Ehe nicht.

Daher hat der Vater des Bräutigams das Paar unter dem Vorwand eines Urlaubs nach Pakistan eingeladen, stahl dort den Pass der jungen Frau und flug mit seinem Sohn zusammen zurück nach Grossbritannien - und liess das Mädchen gestrandet und alleine gelassen zurück.

Auf ihrer Seite der Familie wurde dies als Anschlag auf die Ehre wahrgenommen, weshalb sie ihren Stiefvater bei seinem nächsten Besuch in Pakistan ein Jahr später ermordet haben.

Ich stiess dabei auf das Phänomen der "entsorgbaren Ehefrauen", bei denen britisch-asiatische Männer junge Frauen vom Subkontinent heiraten [asiatisch ist englisches Neusprech für Moslems vom Subkontinent, d.R.], um die Mitgift abzusahnen und sie dann zu verstossen, was in Pakistan und Indien weitverbreitet ist.

Allerdings merkte ich, dass aus dieser Geschichte kein Buch würde, weil sich niemand glaubwürdiges auftreiben liess. Was aber hängen blieb bei mir war die pakistanische Art der Ehrenverteidigung und das Justizsystem, das dort herrscht.

Erst Jahre später traf ich über einen gemeinsamen Bekannten auf Ayesha, woraus sich dann die perfekte Geschichte ergab, eine, von der ich wusste, dass ich sie schreiben muss.

Ayesha Rahman war jung, intelligent und attraktiv. Sie hatte einen erstklassigen Abschluss aus Cambridge und hatte eine eigene erfolgreiche IT Firma in London, die mit dem Gesundheitssystem und Regierungsbehörden im Geschäft war.

Geboren wurde sie in Pakistan, kam dann aber im Alter von vier Jahren mit ihren Eltern nach Großbritannien. In fast allem war sie durch und durch britisch.

Ich sagte ihr oft, dass sie am Telefon wie ein Produkt des Cheltenham Ladies' College klingt und nicht wie ein Kind aus den Slums von Karatschi.

Die Geschichte, die mit Ayesha erzählte weckte meine Phantasie. Sie wuchs in einer Ortschaft in Lancashire auf und hatte liebende Eltern, die sie dazu erzogen, in der Schule aufzupassen.

Ihr Vater Ibrahim liebte seine junge Tochter und erzählte ihr Geschichten aus seiner Kindheit im ländlichen Pakistan. Als er ihr beschrieb, wie er als Junge mit Tigern kämpfte und vor wilden Elefanten floh wusste sie, dass er die Geschichten nur erfindet, um sie zu beeindrucken, aber sie liebte ihn dafür.

Der Tag, an dem sie als Studentin in Cambridge zugelassen wurde war er voller Stolz auf ihren Erfolg.

Anders als viele muslimische Männer glaubte Ibrahim, dass Mädchen bekommen sollten, was auch Jungen zusteht. Allerdings kam das nicht gut an bei den anderen in seiner Gemeinde; es gab Gerede und kleinlichen Neid.

Einige, darunter Ibrahims Bruder, litten an rassistischen Beleidigungen und sie warnten ihn davor zu versuchen sich zu integrieren in das, was sie "die Gesellschaft des weißen Mannes" nannten.

Ibrahim bekam es immer öfters mit Streitereien und Verstimmungen zu tun, die über die Jahre wuchsen und irgendwann den Weg für eine Tragödie bahnten.

Gleichzeitig machte seine Tochter ihren Abschluss in Cambridge und zog nach London. Sie tat ihr bestes, um mit ihrer Familie in Kontakt zu bleiben, aber sie kam seltener nach Hause und sie bemerkte auch Veränderungen an ihrem Vater. Er wirkte distanziert und unkommunikativ.

Als eine Jugendliche vor einem Haus gefunden wurde, in dem Ibrahim Büros hatte wurde er von der Polizei verhört, die ihm versuchte, etwas anzuhängen.

Er wurde von jeglichem Verdacht freigesprochen, allerdings gab es in den Lokalmedien reisserische Geschichten und Ibrahim fühlte, dass sein Ruf dadurch in den Schmutz gezogen wurde.

Die Veränderungen traten zu einer Zeit auf, als Ayeshas Karriere Fahrt aufnahm. Ihre IT Firma expandierte und sie konkurrierte mit den Spitzenfirmen ihrer Branche.

Ihr war nicht bewusst, dass ihr Vater immer öfters nach Pakistan flog. Daher war auch der Telefonanruf, den sie drei Monate vor unserem Treffen bekam, ein ziemlicher Schock. Ihre Mutter rief in heller Panik an und sagte, dass sie gerade hörte, wie Ibrahim vor dem Haus seiner Eltern in Karatschi gefunden wurde.

Es war der Beginn eines Alptraums, von dem Ayesha mir sagte, dass sie noch immer Probleme damit hat ihn zu verarbeiten.

Die pakistaniche Polizei behauptete, dass Ibrahim Selbstmord beging, allerdings sagte ein Verwandter von Ayesha aus Karatschi, dass er ihnen nicht glaubt: Er war überzeugt davon, dass es nicht mit rechten Dingen zuging.

Ayesha flog dann dorthin, um sich die Sache selbst anzusehen. Sie arrangierte die Exhumierung des Körpers ihres Vaters und eine Autopsie.

Die Ergebnisse waren eindeutig: Die Verletzungen an Ibrahims Hinterkopf waren so schwerwiegend, dass er sie sich nicht selbst zufügen konnte.

Hinzu kam der Nachweis, dass seine Hangelenke während Todeszeitpunktes festgebunden waren und es an seinem Hals Druckspuren gab.

Ayesha war erschrocken. Aber sie war auch eine entschlossene Frau und entschied sich daher, die Wahrheit herauszufinden. Sie heuerte in Karatschi einen Privatdetektiv an, der für sie die Polizisten kontaktierte, welche die Voruntersuchung vornahmen und den Tod als Selbstmord klassifizierten.

Der Ermittler sprach mit ihnen und sagte dazu, dass er sicher sei, dass sie von den Männern bestochen wurden, die den Mord an Ibrahim vertuschen wollten.

Ein paar Wochen später präsentierte Ayeshas Privatdetektiv weitere und verstörendere Erkenntnisse.

Er wurde informiert, dass ihr Vater in Kontakt mit Pakistans gefährlichstem organisierten Verbrecherbande geriet - Männer, die mit Drogen, Alkohol, Entführungen und Schleuserei ihr Geld verdienten.

Sie sind mächtige Menschen, die von den örtlichen Politikern freie Hand bekommen und ihren Schutz geniessen; es wäre also nicht einfach, sie der Gerechtigkeit zuzuführen.

Als Ayesha fragte, ob sie die Mörder ihres Vaters waren zögerte der Ermittler.

Es gab Indizien, meinte er, dass Ibrahim vielmehr für sie arbeitete - dass er Teil der Bande war.

Ayesha war schockiert. Sie weigerte sich zu akzeptieren, dass ihr Vater irgendetwas anderes war, als ein unschuldiges Opfer. Sie konnte die Vorstellung nicht verarbeiten, dass ihr liebevoller und zärtlicher Vater so so sehr veränderte, dass er zum Kriminellen wurde. Sie war entschlossen, seinen Namen reinzuwaschen und wollte, dass ich ihr helfe.

Ich flog nach Pakistan und folgte so vielen Fährten, wie ich konnte. Meine anfänglichen Erkenntnisse waren beunruhigend. Als ich den die Ermittlung leitenden Polizisten traf war er spöttisch und ablehnend. Er behauptete, Ibrahim sei verwickelt gewesen in einen betrügerischen Immobilienhandel mit der sogenannten "Landmafia", Verbrechern, die Landbesitzer so lange nerven, bedrohen und erpressen, bis sie deren Land bekommen, um es für illegale Aktivitäten zu nutzen.

Der Polizist war besonders unfreundlich auf Ayesha zu sprechen, die er ein "dummes, kleines englisches Mädchen" nannte. Er sagte:


"Das ist nicht England.

Wir sind hier in Pakistan und Sie haben rein gar keine Ahnung, wie es hier läuft! In England werden Verbrechen vielleicht aufgeklärt. Hier aber werden Menschen von mächtigen Männern ermordet und die Mörder werden nie gefunden.

Ich rate Ihnen in Ihrem eigenen Interesse - gehen sie sofort!"

Die Warnung konnte nicht klarer sein. Mit dem Ermitteln der Todesumstände begaben wir uns in direkte Gefahr.

Ayesha zögerte. Sie war verängstigt und wie mir schien auch zutiefst besorgt, dass sie womöglich Dinge über ihren Vater erfahren würde, die ihr Bild von dem liebenden Mann zerstören würde, an das sie sich so verzweifelt klammert.

Am allerbeunruhigendsten aber war, dass der Polizeichef behauptete, dass er und seine Kumpane in den illegalen Schmuggel von "Waren" zwischen Pakistan und Großbritannien verwickelt waren.

Eine dieser Waren, so deutete er an, waren Menschen. Und noch niederschmetternder, er sagte, dass er die "wahren Geschichte" des toten Mädchens vor Ibrahims Büro in Lancashire kannte. Ayesha wollte die Ermittlung bereits abbrechen. Ich bemerkte, wie der Horror in ihr hochkroch, als ihr klar wurde, dass der Polizist vielleicht sogar recht hatte und sie herausfinden würde, dass ihr Vater ein böser Mann war, der wegen seiner eigenen bösen Taten starb.

Ich sagte ihr, wir beide würden es bereuen, wenn wir die Wahrheit nicht herausfinden würden: Sie müsste sich den Rest ihres Lebens die Frage stellen, wer ihr Vater war - und ich hätte kein Ende für mein Buch.

Wir diskutierten gerade noch, als ich eine Nachricht aus England bekam, in der es um ein tragisches Ereignis in meinem eigenen Leben ging. Der Tod von jemandem schockierte mich und so flog ich aus Pakistan zurück, ohne die Ermittlung abgeschlossen zu haben.

Ich verbrachte Wochen damit, mein eigenes Leben wieder auf die Reihe zu bekommen. Und während dieser Zeit zeigte Ayesha ein Mitgefühl mir gegenüber, von dem ich begriff, dass ich es ihr nie zeigte.

Ich sprachen offen miteinander; wir begannen, unsere Gefühle und Sorgen gegenseitig zu verstehen; und wir beschlossen, dass wir die Ermittlungen in Pakistan abschliessen müssten.

Nach Karatschi ging ich dann alleine zurück. Ayesha sah sich nicht in der Lage, eine weitere Runde mit schrecklichen Erkenntnissen auszuhalten.

Mit der Hilfe eines jungen pakistanischen Akademikers, der die Politik seines Lands und dessen Abgründe in die Welt von Geschäft und Verbrechen in- und auswendig kannte, sprang ich wieder zurück in diese gefährliche Unterwelt.

Wir sprachen mit angeberischen Mafiabossen, halbseidenen Bürokraten und zwielichtigen Polizisten. Und wir schafften es, eine Person zu finden, von der wir glaubten, dass sie wahrscheinlich für Ibrahims Mord verantwortlich war.

Wir entdeckten, dass er im Gefängnis saß und wegen eines anderen nicht damit zusammenhängenden Verbrechens auf seine Exekution wartete.

Wir mussten also damit rechnen, dass dieser Mann gehängt sein könnte, bevor wir eine Möglichkeit hatten mit ihm zu reden und die Wahrheit über Ibrahim zu lernen. Daher nahmen wir ein Risiko auf uns und fragten den Gefängnisdirektor, ob er es uns erlauben würde, den zum Tode verurteilten Mann zu befragen.

Erstaunlicherweise überzeugte mein eloquenter Assistent den Direktor und der Besuch in der Todeszelle beantwortete alle unsere Fragen. Was wir erfuhren genügte, um Ayeshas Bedürfnis zu decken, die Wahrheit über ihren Vater zu erfahren.

Die anfängliche Wut des verurteilten Mannes und seine Feindseligkeit ging rasch in Freimütigkeit über, um dann zum krassesten Geständnis zu werden, das ich je hörte - bei der ich unter anderem auch die Geschichte erfuhr, mit der dieser Artikel begann und bei dem es um ein Schariagericht in England ging, das einen Rachemord billigte.

Ich kann hier nicht alles wiederholen, was er mir sagte, ohne die wichtigste Wendung zu verraten, die mich zu Ibrahims Mördern führten und damit zum Schlussteil meines Buches. Aber ich kann sagen, dass Ayesha und ich noch immer ein gutes Verhältnis zueinander haben.

Während ich das Buch schrieb mussten wir beide mit tragischen Ereignissen in unseren Leben fertig werden, was zwischen uns eine Empathie erschuf, die es davor nicht gab.

Allerdings gibt es noch immer mehrere Männer, die in den Mord an ihrem Vater verwickelt waren und noch immer frei herumlaufen und den im Buch beschriebenen kriminellen Aktivitäten nachgehen.

Die Welt, die mein Buch zeichnet ist eine gefährlich und seit ich meine Ermittlung begann habe gab es bereits Drohungen gegen mich.

Meine Problem bestand darin, eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden muss, so zu formulieren, dass das Risiko durch des Erzählens nicht das Leben von Ayesha und anderen darin involvierten gefährdet.

Daher habe ich die Namen und Beschreibungen aller Hauptcharaktere verändert, wie auch die Orte, wo sich die Ereignisse abspielten. Nun muss ich darauf hoffen und vertrauen, dass sie sicher sind.






Im Original: A sinister British Sharia court and one girl's tireless hunt for her father's killer: How a brutal murder in Pakistan uncovered revenge killings in Lancashire

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