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Mittwoch, 4. Januar 2017

Amerikanistik: Eine traurige Geschichte über den Niedergang einer wissenschaftlichen Disziplin

Die neue akademische Elite..

Von Charles Kupfer für www.PopeCenter.org, 28. Dezember 2016

Mein akademisches Feld, die Amerikanisti besteht aus der interdisziplinären Studie amerikanischer Kulturen der Vergangenheit und der Gegenwart. Einstmals handelte es sich dabei um eine lebendige und nützliche Disziplin. Heute aber muss ich traurigerweise mitteilen, dass sie zu einer regelmässigen Quelle verkommen ist für Artikel und Blogs, die sich die Frage stellen:

"Welchen Blödsinn treiben sie jetzt schon wieder an der Uni?"

Wenn die Amerikanistik heutzutage wiedereinmal in den Fokus der Aufmerksamkeit gerät, dann geschieht dies meist aus unguten Gründen.

Manchmal gewinnt ein Artikel einen ironisch gemeinten Preis für schlechtes Schreiben. Ein Beispiel dafür wäre dieser Auszug aus einem Aufsatz im Australasischen Journal für Amerikanistik:


Naturkundemuseen, wie etwa das Amerikanische Museum, sind ein bedeutendes Zeichen für die, wenn auch nur subtil gezeigte, Macht zur Entprivatisierung und Veröffentlichung des Todes, indem sterbliche Überreste in den öffentlichen Dienst gestellt werden, um sie als Merkmal für das kollektive Leben zu zeigen, um tote Fossilien als Chronik des ewigen Kampfes um das Überleben interpretieren zu können und um heute tote Individuen als nomologische Abbilder von noch immer bestehenden Kollektiven in Natur und Geschichte eingeordnen zu können. Die Ansammlung und Klassifizierung solcher Nekrolithen in den öffentlichen Ausstellungen des Museums sind eine Polit-Anatomisierung der menschlichen und nichtmenschlichen Körperlichkeit.

Manchmal gibt es idiotische popkulturelle Klassen, wie etwa "Zombie Studies", die vor ein paar Jahren in Mode waren. Und manchmal entscheidet sich ein Amerikanistikprofessor dazu, den Hörsaal für "sozialen Aktivismus" zu verwenden, wobei das Studium dann ersetzt wird durch Protest.

Ich würde wohl darüber lachen, wenn ich nicht selbst in diesem Feld beschäftigt und geistig investiert werde und wenn mein noch immer in Restbeständen vorhandener Respekt für die offene und pragmatische Herangehenweise, welche die Amerikanistik in ihren ersten Jahrzehnten prägte nicht mehr da wäre. Leider aber driftete die Amerikanistik - heimgesucht von einem nörgelnden Aktivismus, der verlangte, dass die Interdisziplinarität zur Norm werden muss, auch wenn das Studium der Kultur das bereits vor 20 Jahren umsetzte - während der letzten Generation im Versuch, die eigene Relevanz zu erhalten, chaotisch in Richtung einer Politisierung ab.

Im Ergebnis gibt es heute in der Disziplin eine Unterspezialität, die an ein enges Korsett an Glaubensaussagen geknpüft ist und bei denen es darum geht, dass die Vereinigten Staaten in der modernen Welt zum Epizentrum der Sünde wurden (Rassismus, Sexismus, Kolonialismus und dergleichen), und dass jegliches Studieren von Amerika sich auf Denunzieren und Verurteilen beschränken sollte. Die Amerikanistik dient mittlerweile nur noch als ein Bestätigungssystem für Wissenschaftler, die ihre Erkenntnisse bereits hatten, bevor sie danach zu suchen begannen: Rassismus, Sexismus und Imperialismus.

Zunehmend ist das Feld auch feindlich gegenüber Gelehrten, die es nicht ausschliesslich dazu verwenden wollen, um amerikanische Traditionen niederzumachen und ihre gute Gesinnung zum besten zu geben.

Diese Entwicklung hat 2013 einen neuen Tiefpunkt erreicht. Bei ihrer nationalen Konferenz hat sich die Amerikanistikgesellschaft (ASA) darauf geeinigt, israelische wissenschaftliche Einrichtungen zu boyottieren. Auch wenn sie dies in hehre Worte kleideten und sie damit "der palästinensischen Zivilgesellschaft" antworten wollten, so zeigte sich der zynische Kern des Boykotts, als der Präsident Curtiz Marez auf die Frage, warum Israel ausgeschlossen wurde, salopp antwortete mit: "Irgendwo muss man ja anfangen." Von den circa 200 Ländern war also exakt eines bei der ASA nicht willkommen.

Mehrere Teilnehmer sprachen sich dagegen aus, allerdings waren sie den anderen Rednern im Verhältnis von ungefähr 10 zu 1 unterlegen. Ich war einer von ihnen und strenge mittlerweile eine Klage an, bei der es darum geht, dass er Boykott dem Gesellschaftszweck der ASA widerspricht und er daher ihren steuerfreien Status verletzt. Zwei meiner Mitkläger erklären die Klage in diesem Artikel hier (der Fall wurde noch nicht angehört).

So war es aber nicht immer. Die Amerikanistik pflegte, das Land und seine Kulturen als ihr wissenschaftliches Subjekt ausgiebig zu erforschen. Ein Blick auf den Sturzflug auf den heuten Zustand, nach dem vielversprechenen Beginn, verrät, dass die Amerikanistik sich von der Untersuchung zur Inquisition entwickelt hat, von der Vielfalt zur Einfalt.

Pioniere wie Vernon Parrington, der 1928 den Pulitzer Preis für sein Buch "Main Currents in American Thought" [Hauptströmungen amerikansicher Denkweisen, d.R.] gewann und Perry Miller, der sich auf die Suche nach dem Urquell der amerikanischen Identität im puritanischen Neuengland machte, verfolgten einen thematischen, interdisziplinären Ansatz, der zum Kennzeichen der Amerikanistik in ihrer Anfangszeit wurde.

Der erste Doktorgrad in "Amerikanischer Zivilisation" ging 1940 an Henry Nash Smith von der Harvard Universität. Seine Dissertation eröffnete ein ganzes neues Land: "The American West as Symbol and Myth" (1950) [Der Amerikanische Westen als Symbol und Mythos, d.R.], die sich auf Groschenromane bezog, um den missverstandenen, aber mächtigen Glauben unter Siedlern zu ergründen, dass Nordamerika leer sei, offen und fruchtbar und nur auf ihre Pflugscharen wartete.

Durch Smiths Ansatz - der oftmals als "Symbol und Mythos" zusammengefasst wurde - bekam die Disziplin in ihren Anfängen den Ruf der "Geschichtswissenschaft mit Romanen." Ein Erklärer von interpretierbaren Büchern, wie etwa "Andrew Jackson: Symbol for an Age" (1953) [Andrew Jackson: Symbol einer Ära, d.R.] von John William Ward setzte die alles durchstöbernde Suche nach dem, was die Vereinigten Staaten ausmachte fort. Ihr Ziel war die Suche nach Wissen, und nicht die Suche nach Tätern.

Die Dinge begannen sich auf einer Konferenz von 1967 zu verändern, als der sich im Aufstieg befindliche Gelehrte Bruce Kuklick die Sturmglocke läutete, als er einen Aufsatz präsentierte, der das Leitbild von Symbol und Mythos infrage stellte. Mehrere junge Gelehrte haben dann dem schnell wachsenden Zweig ihre eigene Interpretation hinzugefügt. Die Studie der Populärkultur kam auf, wie auch die der Folklore.

Eine große Änderung ergab sich aus der Öffnung hin zu Quellen und Gelehrten, die bislang außen vor gelassen wurden. Weibliche Gelehrte wurden gefragt, warum von Frauen geschriebene Texte so selten in den Literaturlisten vorkommen; schwarze Gelehrte erinnerten alle an die Wichtigkeit der schwarzen Erfahrung, die von der Sklaverei und vielem darüber hinaus, bis hin zur Erschaffung Amerikas selbst reicht. Andere Gruppen inspirierten alle Arten von Studenten der Amerikanistik dazu, in die Richtung zu arbeiten, was man am besten als die große Öffnung beschreiben könnte.

John Hope Franklin wurde 1967 der erste schwarze ASA Präsident, Mary Helen Washington 1997 die erste schwarze Präsidentin. Und doch bestand das Ziel der Disziplin noch immer im tieferen Verständnis der Fundamente der amerikanischen Kultur.

Allerdings war das auch jene Zeit, als der Dekonstruktivismus, der in den späten 1960ern an Amerikas Küsten anlandete, sich in der Wissenschaft voll niederschlug. Das führte dazu, dass sowohl der Name der Disziplin, als auch ihr Auftrag hinterfragt wurde. "Amerikanisch" klang so nationalistisch. Die neuen Mächtigen der Amerikanistik versuchten sich davon zu überzeugen, dass die Vereinigten Staaten sich in Auflösung befanden und das Land auf der falschen Seite der Geschichte stand. Als es dann anders kam entschieden sie sich dazu, dass sie die Disziplin doch wenigstens für fortwährende Vorwürfe benutzen könnten.

Der Höhepunkt dieser Phase ereignete sich 2012 beim ASA Treffen in Puerto Rico. Dort, am Caribischen Hilton - dem Geburtsort der Pina Colada, für all jene, die noch ein Interesse an den altmodischen Themen der Amerikanistik haben - lieferte Präsident Matthew Jacobson eine Rede ab, die er betitelte mit "Eine Standortbestimmung: Das US Imperium auf der Strasse und in den Archiven." Seine Botschaft war klar: Bei der Amerikanistik ging es nun darum, den Fehler bei Amerika zu finden, und nicht um das Verständnis seiner Kultur.

Im Film "Z", einem Thriller von 1969 vom griechisch-französischen Regisseur Costa Gavras rät ein Charakter:
"Du musst immer die Amerikaner beschuldigen, auch wenn du selbst denkst, es stimmt nicht. Sie wissen nämlich, dass du recht hast."

Die Herangehensweise der heutigen Amerikanist lässt sich auf genau das zusammenfassen.

Der Politiker Francois Fillon sprach vor kurzem über sein eigenes Land, als er sagte:

"Frankreich ist nicht eine Summe von Gemeinschaften. Es ist eine Identität."

Ich denke, das kann man auch über die Vereinigten Staaten sagen, allerdings sollte man nicht erwarten, dass die ASA diesen französischen Mann beachten wird. Wenn die USA schon nicht ignoriert oder aus seiner Existenz herausdefiniert werden kann, dann muss man es wenigstens verurteilen, wieder und wieder. Das ist nichts anderes als trostlos und sinnlos und es ist ein Pfad ins wissenschaftliche Vergessen.






Im Original: American Studies: A Sad Tale of Academic Decline

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